Von abends 22.00 Uhr bis morgens 06.00 Uhr dürfen keine LKWs die Kopfsteinpflaster-Strasse vor unserem Hotel befahren. Um ca. 06.07 Uhr fährt einer vorbei. Ob’s der erste war, entzieht sich uns, aber es war derjenige der uns weckte. Ein Blick hinaus: Prachtswetter! Also, noch etwas hin und her gedreht, Pläne für den Tag geschmiedet und dann geht’s raus aus dem Bett. Noch vor dem Frühstück meint Martin schwärmerisch: „Schon speziell, schon bald taucht wieder der nächste Molli-Zug in den Gassen von Bad Doberan auf.“ Also doch eine Zugsreise nach Heiligendamm für meinen lieben Ehemann? Aber da er die Fahrt schon bereits vor einigen Jahren zusammen mit Woody unternommen hat, bleibt’s bei dieser Fahrt.

Um 8.00 Uhr betreten wir den eleganten Speisesaal. Viele Kurgäste, älteres Zielpublikum. Daher allseits noble Zurückhaltung, grosse Stille, nur dann und wann ein kurzer Morgengruss. Psst.

Um kurz nach neun verstauen wir unser Tasche im Auto und machen uns auf den Weg zum ältesten Seebad an der deutschen Ostseeküste: Heiligendamm. „Weisse Stadt am Meer“ wird die Ortschaft mit ihren aufwändig renovierten klassizistischen Bauten genannt. Aber bitte keinen Blick hinter die Kulisse. Der Blickwinkel der Betrachtung muss stimmen, sonst sieht man nämlich sehr schnell die verwahrlosten heruntergekommenen Villen, die wohl unter Denkmalschutz stehen, die aber aus irgend einem Grund nicht total saniert werden. Im Juni 2007 trafen sich in Heiligendamm die Staats- und Regierungschefs der sechs führenden Industrienationen sowie Kanadas und Russlands zum sog. G-8-Gipfel.

So wie es wohl im 2007 ein Damen- und ein Herrenprogramm gab, so gab es das auch heute. Nach einem gemeinsamen Spaziergang an den Strand (zuerst galt es ein Parkticket und anschliessend noch ein Kurtaxenticket zu lösen …) machte sich Martin auf in Richtung Bahnhof Heiligendamm, um „Molli“ zu fötelen. Das Damenprogramm bestand aus einem Küstenspaziergang mit Muschelsuche und Geniessen von Ostsee, Sonne und Wärme. Gemeinsam wohnen wir dann einer Molli-Ausfahrt bei, bevor wir uns auf die Weiterreise machen.

 

Über verschiedene Land-Nebenstrassen setzen wir unsere Reise in Richtung Stralsund fort, wo wir gegen Mittag eintreffen. Der erste Eindruck, den wir von Stralsund gewinnen, ist positiv. In einem Bäckerei-Café essen wir etwas kleines, bevor wir uns um 13.30 Uhr auf eine Stadtrundfahrt begeben. Der erste Eindruck bestätigt sich. Die Hansestadt besitzt mit ihrem berühmten Rathaus, mächtigen Backsteinkirchen, Klosteranlagen, Befestigungswerken und Bürgerhäusern eine historische Bausubstanz von grossem Wert. Darum wurde die Altstadt 2002 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Hübscheste Gasse für mich: Badgasse. Witziges Detail: Die „Unnütze Gasse“, in der früher das horizontale Gewerbe seine Dienstleistungen anbot. Die Gasse ist mit keinem Strassenschild mehr versehen, da diese immer geklaut worden sind. Ein weiteres Wahrzeichen der Stadt ist die im Herbst 2007 eingeweihte Rügenbrücke. Über die insgesammt 4’097 Meter lange und bis zu 42 Meter hohe Brückenkonstruktion rollen täglich rund 22’000 Fahrzeuge. Zur Stärkung nach Standrundfahrt und Spaziergang durch Stralsund gönnen wir uns ein Käffchen und was dazu. Kaffee und Kuchen haben hier wirklich Tradition.

 

Etwas später setzen wir unsere Reise fort. Heutiges Tagesziel ist Prenzlau. Gemäss Wetterprognose soll es heute Nachmittag starke Regenfälle und orkanartige Winde geben. Also nichts wie los, denn es gilt doch noch 160 Kilometer zurückzulegen. Aufgrund der unzähligen Baustellen und Landwirtschafts-Fahrzeugen, die in den Allee-Strassen fast nicht überholt werden können, entscheiden wir uns kurz vor Neu Brandenburg auf der Autobahn weiter zu fahren, um vorwärts zu kommen. Kurz vor 18.00 Uhr treffen wir in Prenzlau müde aber trocken ein. Rasch ist das Hotelzimmer im Hotel Overdik bezogen, das wir von unterwegs aus reserviert haben. „I säge dir, nach dä sächsi isch Prenzlau tot!“ Da geht nichts mehr. Glücklicherweise finden wir ein Lokal, das geöffnet ist und auch noch in der Nähe unseres Hotels liegt. Denn kurz nach dem Essen, wir haben gerade bezahlt und wollen aufbrechen, da trifft der angekündigte Regen ein. Wir sind eigentlich sehr müde, aber jetzt beim Nachhause gehen, lachen und singen wir, obwohl wir trotz Schrim und Kapuze komplett nass sind. So, noch kurz etwas tagebüechle und dann ab ins Bett, obwohls noch taghell ist (die Dämmerung beginnt erst so gegen 22.00 h. Midsummer gibt’s auch in Deutschland.

Statistisches: 295 km