Ich schlief ausgezeichnet und lange. Während des Frühstücks habe ich mich mit dem Hund angefreundet. Er gehört zum Camping und sabberte vor Freude, als ich plötzlich liebe Worte zu ihm sprach. Wettermässig hat es aufgefrischt, 14 Grad waren nun doch recht kühl. Dazu war es bedeckt und unsicher, ob es nicht noch regnen würde. So liess ich meinen Plan fallen, mit dem Velo in den 8 km entfernten Nationalpark zu fahren. Ich nahm den Camper.

Die Fahrt ging nach Martin Brod, dem südlichsten Eingang des Nationalparks. Die Strasse dorthin ist nur 1 km asphaltiert, dann wird es eine (gut unterhaltene) Naturstrasse, bevor sie kurz vor Martin Brod wieder asphaltiert ist. Der Eingang zum Nationalpark ist nicht so gut ausgeschildert, sodass ich fragen musste. Und um ein Haar wäre ich daran vorbeigefahren… Ein kleines Häuschen mit Barriere über den daneben führenden Weg – das ist der Eingang. Der Parkplatz bietet Platz für etwa 10 Autos. Ich parkiere, bezahle die 2 KM/CHF 1.20 Eintritt und mache mich auf den Weg. Einen Wasserfall kann man hier sehen. Den längsten im ganzen Park, über rund 300 m stürzt das Wasser aus verschiedenen Höhen herunter. Das Ganze sieht spektakulär aus und ich verweile einen Moment dort. Denn, das ist eigentlich schon alles, was man sehen kann. Aber dafür einen schönen 🙂

Ich kehre wieder zum Auto zurück und will zum Bahnhof fahren. Die Bahnstrecke ist seit 4 Jahren aus Kostengründen nicht mehr in Betrieb, aktuell spricht man jedoch darüber, diese wieder in Betrieb zu nehmen, und wieder einen Schienenverkehr zwischen Bihać (BiH) und Knin (HR) anzubieten. Von Weitem habe ich gesehen, dass die Strecke in einem schitteren Zustand ist. Die Fahrleitungsmasten stehen zwar noch, der Fahrdraht wurde aber entfernt/gestohlen. An Hand der Karte auf dem Navi suchte ich meinen Weg zum Bahnhof, die Strasse, welche gleich da vorne links über die Una führt, geht zum Bahnhof. Die Brücke war aber nicht mehr da. Also sie war schon da. Aber im Bosnienkrieg gesprengt. Die Teile liegen im Wasser. Darüber führt eine Eisenbrücke mit Holzplanken (max 5 Tonnen), ein wohl schon über 20 Jahre dauerndes Provisorium. Und irgendwie wagte ich es nicht, darüber zu fahren.  

 

Und die ganzen Überbleibsel des Krieges der 90er-Jahre waren die Scheusslichkeiten, die ich heute zu Gesicht bekam. Ich sah sehr viele Häuser, welche zerstört waren, ausgebrannt, oder Einschusslöcher aufwiesen. In Kulen Vakuf sah ich ein Denkmal aus dem Krieg (er wird hier „der letzte Krieg“ genannt, also nicht „Bosnienkrieg“ oder ähnlich). Sehr viele Leute sind hier am 11.6.1992 verstorben. Keine Ahnung, was da passiert ist, das hat mir niemand gesagt, aber ich kann mir vorstellen, dass es eine weitere Scheusslichkeit des Krieges, welche wir jeweils in der Tagesschau frei Haus geliefert bekamen, war. Wie die Leute heute miteinander umgehen weiss ich nicht. In Martin Brod hat es 320 Serben bei einer Bevölkerung von 328 Leuten. Irgendwie möchte ich mehr darüber erfahren. Aber war nicht ich der, der jeweils den Sender weggeklickt hat, als es wieder um Jugoslawien ging? Nun bin ich mitten drin und sehe die Überreste von damals. Es fällt schwer, sich auf die Naturschönheiten zu konzentrieren, denn die Vergangenheit ist immer präsent.

Und nun gibt es einen Nationalpark. Gefördert und bezahlt von der EU. Einerseits macht es durchaus Sinn, die tolle Natur zu schützen und einen sanften Tourismus zu eintwickeln. Ob Velowege und Joggingstrecken wirklich das sind, was auch noch gebaut werden musste, wage ich hingegen zu bezweifeln. Die Gegend ist übrigens phänomenal! 27 Arten Fisch hat es in der Una. In den Wäldern hat es Schwarzbären, Wölfe und Luches. Fischotter und Biber soll es auch haben. Und die Vogelwelt ist traumhaft! Ich habe einem gelben Vogel zugeschaut. War dies eine Goldammer? Oder wie wohl der Vogel hiess, der im Fluss auf einem Stein gelandet ist und immer wieder den Kopf unter Wasser hielt? Ich habe den schon mal in einer Tiersendung gesehen, kenne den Namen aber nicht mehr… 

 

Da ich nun mit dem Auto unterwegs war, war ich natürlich flexibler unterwegs und es gab mir die Möglichkeit, Una-Tal-abwärts nach Štrbači buk zum nächsten Eintritt des Parks zu fahren. Die Strasse ab Orasac war wiederum eine Naturstrasse. In verschiedenen Foren bzw. Bewertungen zum Nationalpark habe ich gelesen, dass diese Strasse eine Katatstrophe sei und dringend gemacht werden müsste. Klar hatte sie Schlaglöcher, aber nix dramatisches. Ich konnte ca 30 km/h fahren, was in dieser wunderschönen Gegend genug schnell ist. Unterwegs hielt ich bei einem Rastplatz an und las ein bisschen in meinem Krimi (es geht dem Ende zu, die Polizei ist dem Mörder auf der Spur!). Dann fuhr ich weiter nach Štrbači buk (dieses Mal Eintritt 6 KM) und schaute mir diese Wasserfälle an. Diese sind mit 24 m Fallhöhe die höchsten Fälle im Nationalpark. Die ganze Anlage ist gut aufgebaut, man kann die Fälle von Aussichtsplattformen aus sehr gut anschauen. Und sie sind wirklcih toll! Ich ass dort noch eine Kleinigkeit und ging weiter.

Die Burg Ostrovica gehört nämlich auch noch zu den Sehenswürdigkeiten der Region. Also eigentlich ist es eine Ruine, die hoch über dem Una-Tal trohnt, viel zu sehen gibt es nicht. Aber ich habe ja Zeit – drum fahre ich hoch. Genau! Ich fahre, schliesslich ist es eine gut ausgebaute Naturstrasse, die dort nach oben führt. Die letzten 500 m gehe ich aber zu Fuss, dann bin ich oben und geniesse die Aussicht ins Tal. Wunderschön! Ich genoss den Moment der Stille dort oben mit den vielen Vögeln (nix spezielles, Krähen und so…) und ging anschliessend wieder den gleichen Weg nach unten. 

Während der Fahrt ins Tal sah ich plötzlich junge Männer, die den Hang runter aus den Büschen auf die Strasse kamen. Ca 15 dunkelhäutige, arabischstämmige Männer. Sie hielten mich auf und baten mich um Wasser. Ich gab ihnen, was ich hatte. Waren das Flüchtlinge? Ich hatte ein komisches Gefühl, als ich so umzingelt war, konnte mit der Wasserabgabe die Menge jedoch glücklich stimmen. Als ich alles Wasser weg hatte, fuhr ich weiter. Nach 200 m wieder eine Gruppe Männer, die um Wasser bat, ich hatte jedoch keines mehr. Das Ganze wiederholte sich nun noch etwa drei Mal und ich konnte nur noch zurufen, dass ich kein Wasser mehr habe. Insgesamt waren dies ca 40 Männer. Was machten die dort oben? Wohin wollten sie? Waren es Flüchtlinge? Auch diese Fragen werden mir wohl nie beantwortet werden.

Ich fuhr ins Camping zurück. Es beann sich zu füllen. Bis am Abend hatte es 4 Camperfahrzeuge, 1 Motorrad mit Zelt und eine Gruppe Malaysier, welche in den Bungalows des Campingplatzes übernachteten.

Als Nachtessen gab es frische Erdbeeren, welche ich von einer Bäuerin in Štrbači buk am Wegrand gekauft hatte. Diese seien hier gewachsen, die Aprikosen und Pfirsiche, die ich auch noch gekauft hatte, seien hingegen aus Bihac.