Sonntag, 7. Juni 2026: „Sie werden umgeleitet“

Heute ist grosser Rückreisetag, von Polen nach Bern. 7:40 Uhr fährt der Bus vor dem Hotel ab und wir wollen vorher noch Proviant für die Reise kaufen.

Aber eigentlich sind wir ja am Meer. Und eigentlich habe ich die Badehose dabei. Schnell die Wassertemperatur checken: 15,4°C. Hmmm, schon ein bisschen kalt. Wohlweislich hatte ich den Wecker auf 5:45 Uhr gestellt und habe mir wirklich vorgenommen, kurz ins Wasser zu hüpfen. Vor 6:00 Uhr war ich am Ufer und ging ins Wasser. Ich stellte mir so einen Köpfler aus dem Stand vor – aber das Ufer war sowas von seicht, ich hätte mir alle Knochen gebrochen Also bin ich einfach ins Wasser gerannt und irgendwann bin ich ins Wasser gelegen. 1 km schwimmen lag nicht drin – aber ICH war drin…

Guten Morgen, Świnoujście

Bei Busabfahrt hatten wir den Proviant eingekauft. Der Bus brachte uns zum Bahnhof Świnoujście Centrum, dem Startpunkt der Usedomer Bäderbahn. Der Bahnhof ist nicht sehr spektakulär: 2 Gleise, 1 Perron, fertig.
Der Zug bringt uns über die Insel Usedom mit all den bekannten Kaiserbädern bis nach Züssow, wo wir Anschluss an den ICE nach Frankfurt (Main) Hbf haben. Bis Berlin Südkreuz verläuft die Fahrt äusserst pünktlich. An diesem Bahnhof warten wir einen Moment als uns mitgeteilt wurde, dass es auf der Schnellfahrlinie nach Halle – Erfurt einen Böschungsbrand gibt und die Strecke gesperrt ist. „Unser Zug wird über Dessau umgeleitet“. Nun gut, so sehen wir auch mal was anderes von Deutschland – und in Frankfurt haben wir ja schliesslich über eine Stunde Puffer eingerechnet.

Die Fahrt verläuft zügig und wir „erreichen Frankfurt (Main) Hbf mit einer Verspätung von 46 Minuten. Senk ju for träwelling with Deutsche Bahn“.

Vor zwei Tagen habe ich von der Deutschen Bahn eine Mail erhalten, dass sich unsere reservierten Plätze nicht in Wagen 12 (105, 106) befinden, sondern in Wagen 9 (81, 85). Wir waren irritiert, denn es gibt keinen ICE, der in Wagen 9 1. Klasse hat. Wurden wir downgegradet? In allen Systemen sahen wir, dass Wagen 9 2. Klasse ist. Woody und ich haben verschiedene Strategien durchgesprochen, wie wir uns verhalten wollen. Da kam mir plötzlich die Idee, dass ich im Schweizer System die Situation checken könnte. Und da sahen wir, dass wir gar keinen deutschen ICE hatten, sondern einen Eurocity der SBB! Welcher in Wagen 9 1. Klasse hat… Schande über uns, dass wir nicht an diese Möglichkeit gedacht hatten.

DB und SBB in Frankfurt (Main) Hbf

Wir hätten in Frankfurt (Main) Hbf um 18:20 Uhr ab Gleis 7 fahren müssen. Um 18:30 Uhr stand dort aber noch der ICE nach Dortmund Hbf (Grund: fehlendes Personal). Da kam die Deutsche Bahn auf die Idee, einen Gleiswechsel vorzunehmen und wir mussten last minute auf Gleis 8 wechseln (untendurch). Schlussendlich haben wir mit 19 Minuten Frankfurt (Main) Hbf verlassen. Auch dieser Zug wurde wegen Bauarbeiten (geplant) umgeleitet, wir liessen Mannheim Hbf aus und fuhren über Nebenstrecken direkt nach Karlsruhe Hbf. Diese Umleitung war bekannt und wurde uns vor ein paar Tagen ebenfalls kommuniziert. Allerdings fingen wir in Karlsruhe Hbf erneut weitere Verspätung ein, da wir auch hier auf „ablösendes Personal“ warten mussten.

In Basel SBB erreichten wir den vorgesehenen IC nach Bern und eine tolle Reise nimmt ihr Ende. Woody darf/muss jetzt noch nach Uttigen, mit zweimaligem Bahnersatzbus. Die Reise muss verdient werden. Lieber Woody, herzlichen Dank für deine Beiträge zu dieser Reise. Cool xi!

Statistik:

Bahn: 3637.14 km
Schiff: 116.37 km
Tram: 115.87 km
Bus: 72.60 km
Trolleybus: 5.16 km
Total: 3947.14 km

Samstag, 6. Juni 2026: Transfertag

Auch heute mussten wir wieder früh aus den Federn. Schon um 8:12 Uhr fuhr unser Zug beim Bahnhof Elblag, den wir zu Fuss und mit Tram erreichten.

Guten Morgen Elblag

Der Zug Richtung Szczecin (uff, ein schwieriges Wort…) war pünktlich. Woody hatte für diesen Zug 2. Klasse reserviert, weil die 1. Klasse nur Abteilwagen bot und Woody diese nicht mag. Man sieht nur in eine Richtung zum Fenster hinaus. Somit hatten wir faktisch Plätze in einem Grossraumwagen mit toller Übersicht reserviert, aber in unserem Wagen gab es zu unserer Überraschung nur Abteilplätze. Und in der 2. Klasse sitzen 8 (!) Personen in einem Abteil… Also verzogen wir und in die 1. Klasse, lösten via Mobile-App die nötigen Tickets und Reservationen und dachten, dass wir nun bis Szczecin (uff, immer noch ein schwieriges Wort…) unsere Ruhe haben. Dem war nicht so: in Słupsk mussten wir aus- und auf einen Bahnersatzbus umsteigen. Mit diesem ging es rund 30 km bis Sławno. Umstieg und Transfer klappten vorzüglich. Einzig, dass der Wechsel auf den Bus nur in polnischer Sprache ausgerufen wurde, war für uns schwierig…

Wir sind fast die ganze Strecke gefahren...

Von Sławno bis Szczecin (ich muss dąs Wort immer noch copy/pasten, spontan bringe ich das nicht hin…) verlief die Fahrt problemlos. Hier stiegen wir um zu unserem Tagesziel Świnoujście (Mann, wieder so ein Wort… – der Einfachheit halber verwende ich die ehemalige deutsche Bezeichnung Swinemünde. Ist zwar nicht ganz korrekt, aber einfacher für uns alle…). Swinemünde ist das Ende der Linie. Nun wollen wir noch in die Stadt Swinemünde. Diese ist, im Gegensatz zum Bahnhof, auf der Insel Usedom. Auf die Insel gelangen wir mit der Fähre, welche alle 30 Minuten ein paar Autos (es hat auch noch einen Strassentunnel), ein paar Fussgänger und viele Velofahrende vom Festland auf die Insel bringt.

Auf der Fähre vom Bahnhof Swinemünde ins Zentrum

Die Überfahrt dauert 7 Minuten, die anschliessende Suche nach dem Bus zu unserem Hotel war etwa 5x länger. Wir waren schlussendlich erfolgreich und Bus 93 brachte uns für 4 Zloty (CHF 1) zum Hilton am Strand von Swinemünde. Wir haben uns für die letzte Nacht noch ein Knallerhotel geleistet mit der Option „Meersicht“. Tolles Zimmer, aber irgendwie wollten wir vom Strand auch noch was haben. Also: Gepäck deponieren und ab an den Beach! Wir spazierten bis zur polnisch-deutschen Grenze und dann wieder zurück.

Am Strand von Swinemünde
Unterwegs in Swinemünde
Am Strand von Swinemünde

Auf dem Rückweg wählten wir teilweise die Promenade. Hier fanden wir ein Resti, in welchem wir Pirogi und Fisch essen konnten. Danach verschlauften wir uns ins Zimmer, genossen den Sonnenuntergang und dann das Bett.

Guten Abend, Świnoujście

Freitag, 5. Juni 2026: Bergauf mit dem Schiff

9:30 Uhr ist Abfahrt. Des Schiffes. Genau! Heute ist Schifffahrtstag! 5 Minuten vor Abfahrt sind wir dort. Die Plätze auf dem offenen Oberdeck sind bereits weg. Somit also ins Unterdeck. Wie damals auf der Titanic…

Heute fahren wir auf dem Oberländischen Kanal. Eine Fahrt, die ich schon länger auf der Bucket list hatte. Dank unserer Baltikum – Polen-Reise konnten wir die Fahrt auf dem Oberländischen Kanal elegant einplanen. Drum mussten wir nach Elblag. Ohne die Kanalfahrt hätten wir wohl einen Bogen um Elblag gemacht.

Das Schiff ist gut gefüllt. Mehrheitlich wird polnisch gesprochen. Aber auch französisch und deutsch. Und englisch. Gespräch im Lift heute Morgen mit einer Frau aus Israel: „I speak Polish a little bit. I will try to polish my Polish.“

Der Oberländische Kanal wurde von 1844 bis 1860 erbaut. Er verbindet mehrere Seen und Städte in Ostpreussen von Ilawa über Ostróda bis Elblag zum Frischen Haff, welches über einen Kanal durch die Frische Nehrung mit der Ostsee verbunden ist.

Mit dem Bau des Oberländischen Kanals war ein schnellerer und rentablerer Transport der zum Export bestimmten landwirtschaftlichen Erzeugnisse des Oberlandes verbunden, wie Holz, Tierfelle und Langholzkiefern, die als Masten im Schiffbau gefragt waren.

Als Besonderheit und heutige Touristenattraktion gelten die fünf Rollberge, auf denen die Schiffe zur Bewältigung des Höhenunterschieds von 99 Metern auf Schienenwagen über Land transportiert werden. Sie sind als Standseilbahnen ausgelegt, die von Wasserrädern angetrieben werden. Das Kanalsystem gilt als technisches Denkmal und steht unter Denkmalschutz.

Nach Inbetriebnahme des Kanals im Jahr 1860 passierten täglich etwa zwölf bis zwanzig Schiffe den Kanal. 1862 waren es an einem Tag sogar 57 Schiffe. Seit dem Bau einer Eisenbahnlinie erfolgte ab 1893 ein allmählicher Rückgang in der Auslastung. Während 1913 noch Waren im Gewicht von 107.486 Tonnen über den Kanal transportiert wurden, waren es 1920 nur noch 69.481 Tonnen, 1925 34.951 Tonnen, während das Transportvolumen 1927 wieder auf 49.778 Tonnen anstieg.

Der Kanal wurde schon bald nach der Inbetriebnahme wegen seiner technischen Besonderheiten und der idyllischen Landschaft ein Ausflugsziel.

Und darum sind wir hier.

Die Fahrt führt zuerst über den Druzno See, welcher ein Naturschutzgebiet ist und viele Seerosenblätter aufweist. Schon bald fährt das Schiff in einen Kanal, welcher plötzlich abrupt an einem grünen Hang aufhört.

Plötzlich ist der Kanal fertig und es folgt Gras

Hier muss der Kapitän nun das Schiff auf einen Rollwagen dirigieren, der sich unter Wasser befindet.

Auf diesen Rollwagen muss der Kapitän nun das Schiff lenken.

Das Schiff wird an Haken festgemacht und sobald der Matrose alles bereit gemacht hat, klopft er mit einem Hammer 3x an eine Metallscheibe.

Nun befindet sich das Schiff auf dem Rollwagen und kann hochgezogen werden

Sobald der Hammer das Signal zur Bereitschaft gegeben hat, kann es losgehen. Wie bei Standseilbahnen üblich ist es ideal, wenn auf der Gegenseite auch Last auf dem Rollwagen ist, dh dass sich auch ein Schiff befindet, welches nach unten fahren will. Eine Bedingung ist es jedoch nicht.

Das Schiff ist nun auf dem Rollwagen und wird den Berg hochgezogen

Nun fahren wir auf dem Rollwagen über Land und gewinnen Höhe. Sobald wir oben sind, geht der Rollwagen wieder ins Wasser und das Schiff kann selbständig davonschwimmen.

Leerer Rollwagen
Hier kommt ein Schiff auf Talfahrt mit dem Rollwagen wieder im Wasser an

Vom Schiff aus das ganze zu erleben ist toll. Richtig eindrücklich ist es aber erst, wenn man die Schiffe von Land aus auf den Rollwagen sieht:

Vom Land aus sieht man die eindrückliche technische Errungenschaft!
Vom Land aus sieht man die eindrückliche technische Errungenschaft!

Mit diesem Vorgehen gewinnen die Schiffe auf 10 km Fahrt 100 m Höhe!

Auf 10 km Länge und 5 Rollberge gewinnen die Schiffe 100 m Höhe

Ursprünglich wollte man die Höhe mittels 20 Schleusen überwinden. Dies wäre zu kostspielig gewesen und hätte auch viel mehr Zeit benötigt.

Heute ist das Ganze eine Touristenattraktion. Es hat auch einzelne Boote, die transportiert werden, aber es ist auf den Tourismus ausgerichtet. Nach Ankunft auf dem obersten Rollberg erwartet uns ein Bus, welcher uns wieder nach Elblag bringt.

Wir gehen einen Moment ins Hotel und wären gerne wieder „auf die Gasse“ gegangen, aber just in diesem Moment begann es stark zu regnen. Es war den ganzen Tag stark bewölkt, aber trocken, und nun wurden die Schleusen (des Himmels) geöffnet.

Wir gönnen uns einen Moment Ruhe, bevor wir zum Nachtessen ins Restaurant „Propaganda“ gehen. Dieses Restaurant verschreibt sich der kommunistischen Zeit und serviert mit einem Augenzwinkern auch Menus von „damals“. Die Speisekarte ist betiltet mit „Empfehlungen des Volkes“.

SPEZIALITÄTEN DER KÜCHENLEITERIN (Auszug):

LECKERBISSEN DES PROLETARIATS
Rinderkutteln in Brühe mit Brot serviert

LANDSUPPE
Zurek (Sauerteigsuppe) mit Wurst

LECKERBISSEN DES PARTEIKOLLEKTIVS
Schweineroulade mit brauner Sauce

SPEISE DES HUNGRIGEN PANZERGRENADIERS
Bigos (polnischer Krauttopf)

DELIKATESSE DES ARBEITERVOLKES
Grützwurst mit Zwiebel, Brot

OPIUM FÜR DAS VOLK
knusprige Kartoffelpuffer, serviert mit Sahne, Pilzsauce, Quark

Das Essen war besser, als man es im Kommunismus vermuten würde, der Service war dem Lokalmotto angepasst…

Donnerstag, 4. Juni 2026: Elblag

Nach dem Frühstück gehen wir an den Bahnhof. Warschau schläft noch. Aber wir haben doch nach 9:00 Uhr? Ah, wir haben einen Feiertag: Fronleichnam ist heute. In Polen ein Feiertag, da fällt der ganze Business-Verkehr weg. Und weil heute Donnerstag ist, und morgen viele die Brücke machen ist dies quasi die Einladung für ein laaaaaaaaaaaaaanges Wochenende.

Pünktlich um 9:29 Uhr fahren wir los. Wir sitzen in einem Pendolino der gleichen Bauart, den die SBB von Bern nach Milano einsetzt. Klaglos bringt dieser Zug die Reise nach Malbork hinter sich, wo wir auf den Zug nach Elblag umsteigen.

Intercity von PKP in Malbork

In Elblag hätten wir mit dem Tram in die Nähe des Hotels fahren wollen. Aber eben, heute ist Feiertag, da fahren die Trams nicht so häufig. Und die vorgesehene Strecke ist wegen Bauarbeiten im Moment nicht aktiv und die Fahrzeuge werden umgeleitet.
Der Trambetrieb in Elblag ist der zweitälteste in Polen und wurde 1895 gestartet. 17 Fahrzeuge decken den täglichen Betrieb ab. Die Trams fahren im 20-30 Minuten-Takt. Planung ist also wichtig!

Strassenbahn in Elblag

Aufgrund der Streckensperrung und Umleitung müssen wir einen Teil zu Fuss zurücklegen, bis wir im Hotel Fokus eintreffen. Das Zimmer ist noch nicht bereit, aber wir dürfen unser Gepäck einstellen.

Elblag ist sehr übersichtlich. Und nicht das, was ich als „hübsches Städtchen“ bezeichnen würde. Kein Wunder, wurden im 2. Weltkrieg etwa 60% der Stadt zerstört und nach dem Krieg waren die Prioritäten wohl anders als eine Stadt „hübsch“ zu machen. Die Geschichte von Elblag (Elbing auf deutsch) reicht von Hansestadt über Besetzung Napoleons, Preussische Herrschaft, (Nazi-) Deutschland, Einmarsch der Sowjetunion bis ins heutige Polen.

Die Nikolaikirche steht mitten in der Stadt und den Turm kann man besteigen. 366 Stufen geht man hoch und man ist 67 m über Boden. Wir haben das gemacht und je 20 Zloty (öppe e Füfliber) für die Strapazen bezahlt. Wer das auch mal machen will: die Gebühr entrichtet man auf der 2. Plattform. Wenn man das Geld im „Parterre“ in eine Kiste wirft, wann wäre das der Opferstock…

Kathedrale St. Nikolai von Elblag
Wir besteigen den Turm der Kathedrale in Elblag
Wir besteigen den Turm der Kathedrale in Elblag
Aussicht von der Kathedrale in Elblag

Die Aussicht von dort oben ist cool! Nach dem Besuch der Kirche gaben wir uns zur Belohnung eine Glace. Anschliessend Zimmerbezug und und ein Moment der Ruhe (Tinu) bzw. eine Runde Tram fahren (Woody).

Das Nachtessen gab es bei einem Italiener, wo schon das Apéroplättchen so riesig war, dass wir uns wohl ein bisschen überessen hatten. Nun liegen wir schon im Zimmer und verdauen…


Mittwoch, 3. Juni 2026: Lehrgang in zeitgenössischer Geschichte

Heute erwachen wir in Vilnius. 12:24 Uhr fährt bereits der Zug und bis zu diesem Zeitpunkt möchten wir frühstücken und möglichst viel von Vilnius sehen.

„Vilnius in a nutshell“ war demnach das Motto. 90 Minuten müssen reichen. Spoiler: 90 Minuten werden dieser tollen Barock-Stadt nicht gerecht! Trotzdem machen wir einen Versuch: Die Hauptstrasse runter bis zum Schloss, wo sich auch die St. Stanislaus-Kathedrale befindet. Ein Bau, der einen freistehenden Turm aufweist und an einen griechischen Tempel erinnert.

Kathedrale St. Stanislaus, Vilnius

Das Schloss ist, zumindest von aussen, nicht so üppig, aber kann sich sehen lassen.

Schloss Vilnius
Unterwegs in Vilnius

Wir spazieren weiter zum Rathausplatz. Das Rathaus befindet sich grad in Sanierung, sodass wir nur ein Bild vor dem Gerüst sehen können und die Schönheit des Gebäudes nur vermuten können.

Ein weiteres Highlight auf unserem Weg zurück zum Hotel ist die Katherinenkirche, welche aber geschlossen war.

Katherinenkirche Vilnius

Wir beziehen unser Gepäck und fahren mit dem Trolleybus vom Hotel zum Bahnhof. Die Haltung zur Ukraine wird hier auch auf Bussen manifestiert.

Vilnius liebt Ukraina

Der Bahnhof von Vilnius hat mit der aktuellen politischen Lage eine besondere Bedeutung erhalten: Die Stadt Kaliningrad ist eine russische Exklave an der Ostsee. Um diesen Ort zu erreichen, muss man von Weissrussland über Litauen fahren. Die Verbindung nach Kaliningrad lässt sich von Moskau aus auch mit dem Zug machen. Drei Transitzüge pro Tag und Richtung sind unterwegs. Auf litauischem Gebiet darf kein Passagierwechsel stattfinden. Es sind keine Soldaten erlaubt und militärische Ausrüstung ist auch nicht zugelassen. Die Züge werden vom Grenzschutz mit einem Helikopter begleitet um sicherzustellen, dass unterwegs ’nichts passiert‘.

Im Bahnhof Vilnius sind ein paar Gleise für diese Züge reserviert. Sie sind eingezäunt. Falls ein Zug anhalten muss, könnte er es hier machen. Wie der Ablauf einer solchen Fahrt vonstatten geht, ist in diesem Bericht von ARD dokumentiert:

Wir haben friedliche Absichten und besteigen den litauischen Zug von LTGlink. Auf dieser Verbindung ist bis Ende August 2026 3x täglich der „Šaltibarščių“-Zug (Kalte-Rote-Bete-Suppe-Zug) unterwegs.

Das heisst, im dreiteiligen Zug ist ein Wagen komplett in rosa gehalten, um auf das Sommerfest zu Ehren der Roten Bete aufmerksam zu machen. Tourismusmarketing as it’s best!

Der Rote-Bete-Suppen-Zug von LTGlink

Pink spricht uns nur bedingt an und wir wählen einen „normalen“ Sitzplatz aus. Wir fahren pünktlich los durch die litauische Landschaft. Auch hier sind Arbeiten für den Wechsel von der russischen Breitspur zur europäischen Normalspur im Gang. Die Strecke ab Kaunas ist bereits heute für beide Normen ausgebaut. Schon heute gibt es direkte Güterzüge von Kaunas nach Düsseldorf.

Für uns ist jedoch in Mockava vorerst mal umsteigen angesagt. Reisezüge können noch nicht durchfahren, sie sind für die Breitspur vorgesehen. Mockava ist ein recht absurder Grenzort: Er ist quasi im Wald. Ein paar Gleise, ein Bahnhofsgebäude und fertig ist. Trotzdem steigen alle Reisenden aus, und alle wollen weiter Richtung Polen. Der polnische Anschlusszug fährt mit etwa 10 Minuten Verspätung ein und es findet ein gegenseitiger Reisendenaustausch statt. Von Polen nach Litauen, von Litauen nach Polen. Zügig nehmen wir unsere reservierten Plätze ein. Noch muss die polnische Lok ans andere Ende und los geht’s. Der Zug nach Litauen ist längst schon wieder abgefahren und der Bahnhof Mockava wird bis zu den nächsten beiden Zügen wieder zum Knusperhäuschen im Wald.

Der Zug aus Polen trifft in Mockava ein

Der Zug fährt durch die Suwalki-Lücke. Dies ist die Bezeichnung für das dünnbesiedelte Grenzgebiet zwischen Litauen und Polen. Die Lücke verläuft zwischen dem Dreiländereck Litauen – Polen – Weissrussland im Südosten und dem Dreiländereck Litauen – Polen – Russland (Kaliningrad) im Nordwesten. An dieser 65.4 km Luftlinie hängen die baltischen Staaten an Europa. Dieser Teil gilt als eine der militärisch potenziell entzündlichsten Stellen in Europa, da Russland hier ein Interesse haben könnte, den Riegel zu schieben und so die baltischen Staaten von Europa abzuhängen. In verschiedenen Szenarien ging man davon aus, dass die Suwalki-Lücke strategische Bedeutung hat.

A close-up map of a region in north-eastern Europe
Von Jakub ŁuczakEigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Dementsprechend gründlich sind die Grenzkontrollen im Zug. Wir erleben wirklich zeitgenössische Geschichte – History in a nutshell quasi (diese Nussschale muss heute wirklich für alles hinhalten…).

An der Grenze haben wir auch eine Stunde gewonnen, wir haben nun wieder mitteleuropäische Sommerzeit (Mockava an 14:52, ab 14:12 🙂 ).

Unser Zug fährt nun über Land Richtung Warschau und füllt sich bis zur Hauptstadt recht gut. In Warszawa Centralna steigen wir kurz nach 19:00 Uhr aus. Unser Hampton ist fussläufig vom Bahnhof entfernt und wir kriegen hier ein Zimmer in der 14. Etage.

Warszawa Centralna

Uns plagt ein Hüngerchen, welches wir in einem überteuerten Steakhouse zufriedenstellen können.

Room with a view