Mittwoch, 3. Juni 2026: Lehrgang in zeitgenössischer Geschichte

Heute erwachen wir in Vilnius. 12:24 Uhr fährt bereits der Zug und bis zu diesem Zeitpunkt möchten wir frühstücken und möglichst viel von Vilnius sehen.

„Vilnius in a nutshell“ war demnach das Motto. 90 Minuten müssen reichen. Spoiler: 90 Minuten werden dieser tollen Barock-Stadt nicht gerecht! Trotzdem machen wir einen Versuch: Die Hauptstrasse runter bis zum Schloss, wo sich auch die St. Stanislaus-Kathedrale befindet. Ein Bau, der einen freistehenden Turm aufweist und an einen griechischen Tempel erinnert.

Kathedrale St. Stanislaus, Vilnius

Das Schloss ist, zumindest von aussen, nicht so üppig, aber kann sich sehen lassen.

Schloss Vilnius
Unterwegs in Vilnius

Wir spazieren weiter zum Rathausplatz. Das Rathaus befindet sich grad in Sanierung, sodass wir nur ein Bild vor dem Gerüst sehen können und die Schönheit des Gebäudes nur vermuten können.

Ein weiteres Highlight auf unserem Weg zurück zum Hotel ist die Katherinenkirche, welche aber geschlossen war.

Katherinenkirche Vilnius

Wir beziehen unser Gepäck und fahren mit dem Trolleybus vom Hotel zum Bahnhof. Die Haltung zur Ukraine wird hier auch auf Bussen manifestiert.

Vilnius liebt Ukraina

Der Bahnhof von Vilnius hat mit der aktuellen politischen Lage eine besondere Bedeutung erhalten: Die Stadt Kaliningrad ist eine russische Exklave an der Ostsee. Um diesen Ort zu erreichen, muss man von Weissrussland über Litauen fahren. Die Verbindung nach Kaliningrad lässt sich von Moskau aus auch mit dem Zug machen. Drei Transitzüge pro Tag und Richtung sind unterwegs. Auf litauischem Gebiet darf kein Passagierwechsel stattfinden. Es sind keine Soldaten erlaubt und militärische Ausrüstung ist auch nicht zugelassen. Die Züge werden vom Grenzschutz mit einem Helikopter begleitet um sicherzustellen, dass unterwegs ’nichts passiert‘.

Im Bahnhof Vilnius sind ein paar Gleise für diese Züge reserviert. Sie sind eingezäunt. Falls ein Zug anhalten muss, könnte er es hier machen. Wie der Ablauf einer solchen Fahrt vonstatten geht, ist in diesem Bericht von ARD dokumentiert:

Wir haben friedliche Absichten und besteigen den litauischen Zug von LTGlink. Auf dieser Verbindung ist bis Ende August 2026 3x täglich der „Šaltibarščių“-Zug (Kalte-Rote-Bete-Suppe-Zug) unterwegs.

Das heisst, im dreiteiligen Zug ist ein Wagen komplett in rosa gehalten, um auf das Sommerfest zu Ehren der Roten Bete aufmerksam zu machen. Tourismusmarketing as it’s best!

Der Rote-Bete-Suppen-Zug von LTGlink

Pink spricht uns nur bedingt an und wir wählen einen „normalen“ Sitzplatz aus. Wir fahren pünktlich los durch die litauische Landschaft. Auch hier sind Arbeiten für den Wechsel von der russischen Breitspur zur europäischen Normalspur im Gang. Die Strecke ab Kaunas ist bereits heute für beide Normen ausgebaut. Schon heute gibt es direkte Güterzüge von Kaunas nach Düsseldorf.

Für uns ist jedoch in Mockava vorerst mal umsteigen angesagt. Reisezüge können noch nicht durchfahren, sie sind für die Breitspur vorgesehen. Mockava ist ein recht absurder Grenzort: Er ist quasi im Wald. Ein paar Gleise, ein Bahnhofsgebäude und fertig ist. Trotzdem steigen alle Reisenden aus, und alle wollen weiter Richtung Polen. Der polnische Anschlusszug fährt mit etwa 10 Minuten Verspätung ein und es findet ein gegenseitiger Reisendenaustausch statt. Von Polen nach Litauen, von Litauen nach Polen. Zügig nehmen wir unsere reservierten Plätze ein. Noch muss die polnische Lok ans andere Ende und los geht’s. Der Zug nach Litauen ist längst schon wieder abgefahren und der Bahnhof Mockava wird bis zu den nächsten beiden Zügen wieder zum Knusperhäuschen im Wald.

Der Zug aus Polen trifft in Mockava ein

Der Zug fährt durch die Suwalki-Lücke. Dies ist die Bezeichnung für das dünnbesiedelte Grenzgebiet zwischen Litauen und Polen. Die Lücke verläuft zwischen dem Dreiländereck Litauen – Polen – Weissrussland im Südosten und dem Dreiländereck Litauen – Polen – Russland (Kaliningrad) im Nordwesten. An dieser 65.4 km Luftlinie hängen die baltischen Staaten an Europa. Dieser Teil gilt als eine der militärisch potenziell entzündlichsten Stellen in Europa, da Russland hier ein Interesse haben könnte, den Riegel zu schieben und so die baltischen Staaten von Europa abzuhängen. In verschiedenen Szenarien ging man davon aus, dass die Suwalki-Lücke strategische Bedeutung hat.

A close-up map of a region in north-eastern Europe
Von Jakub ŁuczakEigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Dementsprechend gründlich sind die Grenzkontrollen im Zug. Wir erleben wirklich zeitgenössische Geschichte – History in a nutshell quasi (diese Nussschale muss heute wirklich für alles hinhalten…).

An der Grenze haben wir auch eine Stunde gewonnen, wir haben nun wieder mitteleuropäische Sommerzeit (Mockava an 14:52, ab 14:12 🙂 ).

Unser Zug fährt nun über Land Richtung Warschau und füllt sich bis zur Hauptstadt recht gut. In Warszawa Centralna steigen wir kurz nach 19:00 Uhr aus. Unser Hampton ist fussläufig vom Bahnhof entfernt und wir kriegen hier ein Zimmer in der 14. Etage.

Warszawa Centralna

Uns plagt ein Hüngerchen, welches wir in einem überteuerten Steakhouse zufriedenstellen können.

Room with a view


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