Freitag, 5. Juni 2026: Bergauf mit dem Schiff

9:30 Uhr ist Abfahrt. Des Schiffes. Genau! Heute ist Schifffahrtstag! 5 Minuten vor Abfahrt sind wir dort. Die Plätze auf dem offenen Oberdeck sind bereits weg. Somit also ins Unterdeck. Wie damals auf der Titanic…

Heute fahren wir auf dem Oberländischen Kanal. Eine Fahrt, die ich schon länger auf der Bucket list hatte. Dank unserer Baltikum – Polen-Reise konnten wir die Fahrt auf dem Oberländischen Kanal elegant einplanen. Drum mussten wir nach Elblag. Ohne die Kanalfahrt hätten wir wohl einen Bogen um Elblag gemacht.

Das Schiff ist gut gefüllt. Mehrheitlich wird polnisch gesprochen. Aber auch französisch und deutsch. Und englisch. Gespräch im Lift heute Morgen mit einer Frau aus Israel: „I speak Polish a little bit. I will try to polish my Polish.“

Der Oberländische Kanal wurde von 1844 bis 1860 erbaut. Er verbindet mehrere Seen und Städte in Ostpreussen von Ilawa über Ostróda bis Elblag zum Frischen Haff, welches über einen Kanal durch die Frische Nehrung mit der Ostsee verbunden ist.

Mit dem Bau des Oberländischen Kanals war ein schnellerer und rentablerer Transport der zum Export bestimmten landwirtschaftlichen Erzeugnisse des Oberlandes verbunden, wie Holz, Tierfelle und Langholzkiefern, die als Masten im Schiffbau gefragt waren.

Als Besonderheit und heutige Touristenattraktion gelten die fünf Rollberge, auf denen die Schiffe zur Bewältigung des Höhenunterschieds von 99 Metern auf Schienenwagen über Land transportiert werden. Sie sind als Standseilbahnen ausgelegt, die von Wasserrädern angetrieben werden. Das Kanalsystem gilt als technisches Denkmal und steht unter Denkmalschutz.

Nach Inbetriebnahme des Kanals im Jahr 1860 passierten täglich etwa zwölf bis zwanzig Schiffe den Kanal. 1862 waren es an einem Tag sogar 57 Schiffe. Seit dem Bau einer Eisenbahnlinie erfolgte ab 1893 ein allmählicher Rückgang in der Auslastung. Während 1913 noch Waren im Gewicht von 107.486 Tonnen über den Kanal transportiert wurden, waren es 1920 nur noch 69.481 Tonnen, 1925 34.951 Tonnen, während das Transportvolumen 1927 wieder auf 49.778 Tonnen anstieg.

Der Kanal wurde schon bald nach der Inbetriebnahme wegen seiner technischen Besonderheiten und der idyllischen Landschaft ein Ausflugsziel.

Und darum sind wir hier.

Die Fahrt führt zuerst über den Druzno See, welcher ein Naturschutzgebiet ist und viele Seerosenblätter aufweist. Schon bald fährt das Schiff in einen Kanal, welcher plötzlich abrupt an einem grünen Hang aufhört.

Plötzlich ist der Kanal fertig und es folgt Gras

Hier muss der Kapitän nun das Schiff auf einen Rollwagen dirigieren, der sich unter Wasser befindet.

Auf diesen Rollwagen muss der Kapitän nun das Schiff lenken.

Das Schiff wird an Haken festgemacht und sobald der Matrose alles bereit gemacht hat, klopft er mit einem Hammer 3x an eine Metallscheibe.

Nun befindet sich das Schiff auf dem Rollwagen und kann hochgezogen werden

Sobald der Hammer das Signal zur Bereitschaft gegeben hat, kann es losgehen. Wie bei Standseilbahnen üblich ist es ideal, wenn auf der Gegenseite auch Last auf dem Rollwagen ist, dh dass sich auch ein Schiff befindet, welches nach unten fahren will. Eine Bedingung ist es jedoch nicht.

Das Schiff ist nun auf dem Rollwagen und wird den Berg hochgezogen

Nun fahren wir auf dem Rollwagen über Land und gewinnen Höhe. Sobald wir oben sind, geht der Rollwagen wieder ins Wasser und das Schiff kann selbständig davonschwimmen.

Leerer Rollwagen
Hier kommt ein Schiff auf Talfahrt mit dem Rollwagen wieder im Wasser an

Vom Schiff aus das ganze zu erleben ist toll. Richtig eindrücklich ist es aber erst, wenn man die Schiffe von Land aus auf den Rollwagen sieht:

Vom Land aus sieht man die eindrückliche technische Errungenschaft!
Vom Land aus sieht man die eindrückliche technische Errungenschaft!

Mit diesem Vorgehen gewinnen die Schiffe auf 10 km Fahrt 100 m Höhe!

Auf 10 km Länge und 5 Rollberge gewinnen die Schiffe 100 m Höhe

Ursprünglich wollte man die Höhe mittels 20 Schleusen überwinden. Dies wäre zu kostspielig gewesen und hätte auch viel mehr Zeit benötigt.

Heute ist das Ganze eine Touristenattraktion. Es hat auch einzelne Boote, die transportiert werden, aber es ist auf den Tourismus ausgerichtet. Nach Ankunft auf dem obersten Rollberg erwartet uns ein Bus, welcher uns wieder nach Elblag bringt.

Wir gehen einen Moment ins Hotel und wären gerne wieder „auf die Gasse“ gegangen, aber just in diesem Moment begann es stark zu regnen. Es war den ganzen Tag stark bewölkt, aber trocken, und nun wurden die Schleusen (des Himmels) geöffnet.

Wir gönnen uns einen Moment Ruhe, bevor wir zum Nachtessen ins Restaurant „Propaganda“ gehen. Dieses Restaurant verschreibt sich der kommunistischen Zeit und serviert mit einem Augenzwinkern auch Menus von „damals“. Die Speisekarte ist betiltet mit „Empfehlungen des Volkes“.

SPEZIALITÄTEN DER KÜCHENLEITERIN (Auszug):

LECKERBISSEN DES PROLETARIATS
Rinderkutteln in Brühe mit Brot serviert

LANDSUPPE
Zurek (Sauerteigsuppe) mit Wurst

LECKERBISSEN DES PARTEIKOLLEKTIVS
Schweineroulade mit brauner Sauce

SPEISE DES HUNGRIGEN PANZERGRENADIERS
Bigos (polnischer Krauttopf)

DELIKATESSE DES ARBEITERVOLKES
Grützwurst mit Zwiebel, Brot

OPIUM FÜR DAS VOLK
knusprige Kartoffelpuffer, serviert mit Sahne, Pilzsauce, Quark

Das Essen war besser, als man es im Kommunismus vermuten würde, der Service war dem Lokalmotto angepasst…

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